“A true game changer”

Die Köpfe hinter spinitsystems, Herr Michael A. Tuschak, bei Mayer & Cie. zuständig für Marketing und Vertrieb der Spinnstrickmaschine und Herr Dr. Wolfgang Bauer, Leiter der Entwicklungsabteilung von Mayer & Cie. sprechen über ihr Produkt, dessen Erfolg bei der ITMA und die Zukunft von Spinit.

 
Herr Tuschak, spinitsystems heißt unser Thema. Können Sie kurz beschreiben, was sich hinter diesem Begriff genau verbirgt?

Michael A. Tuschak: spinitsystems ist eine Technologie mit einem außergewöhnlichen Ansatz: Der Spinnprozess wird mit dem Strickprozess kombiniert. Die Prozesse Spinnen, Reinigen und Stricken sind in einer Maschine zusammengefasst. Erstmals wird Strickware nicht aus Garn hergestellt, sondern direkt aus Vorgarn. Der Umspulprozess, der bisher notwendig war, entfällt. Das bringt viele Vorteile: Der Herstellungsprozess von Single Jersey Strickware wird wesentlich verkürzt. Das wiederum hat zur Folge, dass weniger Maschinen erforderlich sind. Der Investitionsaufwand sinkt und man spart Platz und Energie – und zwar in bedeutendem Maße. Auch Garnlager können viel kleiner ausfallen. Abfall gibt es weniger und die Produktionskosten sinken.

Herr Dr. Bauer, können Sie uns bitte einen kurzen „historischen“ Abriss über das Projekt spinitsystems geben?

Dr. Wolfgang Bauer: Die Grundidee stammt aus dem Jahr 2004, da gab es die ersten Patentanmeldungen zum Thema. Die Firma Mayer & Cie. befasst sich seit 2004 mit dem Spinnstricken. Zunächst ganz langsam, dann nahm die Sache Fahrt auf, das Team wurde aufgebaut und kontinuierlich vergrößert. Ich selbst bin 2006 dazu gestoßen.

Gleich nachdem ich an Bord war, haben wir eine Machbarkeitsstudie gemacht, mit einer 48-systemigen Maschine, einer Relanit 1.6 E. Das haben wir erfolgreich hinbekommen. Danach war das Ziel klar: eine serientaugliche, eine markttaugliche Technologie zu entwickeln. Wir sind hoch auf 90 Systeme. Das ging mit einer neuen Streckwerkstechnologie. Das war es auch, was wir in Barcelona 2011 vorstellen konnten.

Auf der ITMA in Barcelona haben wir das Feedback des Marktes abgefragt. Wie finden die Leute überhaupt unser Konzept? Die Rückmeldungen waren sehr, sehr positiv. Wir haben uns bestätigt gefühlt, die Technologie weiter und endgültig marktreif zu entwickeln. Diesen Status haben wir zur ITMA 2015 erreicht.

Herr Dr. Bauer, was waren die wichtigsten Entwicklungsfortschritte zwischen der ITMA 2011 und der ITMA 2015?

Dr. Wolfgang Bauer: Zum einen war es wichtig, die Antriebstechnik soweit zu bringen, dass sie den Anforderungen ans Spinnstricken gerecht werden konnte. Zum anderen kam in den vergangenen eineinhalb Jahren die Entwicklung des Fancy-Moduls dazu. Das hat uns im Endeffekt den großen Durchbruch in Mailand beschert.

Was waren die größten Hürden, die Sie zu meistern hatten?

Dr. Wolfgang Bauer: Wir stellten fest, dass wir ohne Ausreinigung des Vormaterials keine akzeptable Stoffqualität produzieren können. Bereits vor Barcelona war uns klar: Die Ausreinigung des Vormaterials ist zwingend erforderlich. Dies festzustellen ist die eine Sache – dafür eine gute Lösung zu finden nochmal eine ganz andere. Wir haben mit Hochdruck an einer eigenen, patentierten Lösung gearbeitet. Auch das war ein großer Fortschritt zwischen der ITMA in Barcelona und der in Mailand.

Aus Ihrer Sicht als Entwickler, was ist das Besondere an der Maschine?

Dr. Wolfgang Bauer: Dass uns eine wirklich kompakte Bauweise gelungen ist, die noch dazu richtig bedienerfreundlich ist. Die Streckwerke sind modular aufgebaut, was bedeutet, dass man sie einfach auf- und abstecken kann. Das erleichtert dem Bediener die Arbeit erheblich.

Herr Tuschak, was macht die Maschine für Sie aus?

Michael A. Tuschak: Die kompakte und gleichzeitig modulare Bauweise der Maschine hat mich auch überzeugt. Und dann die Ausreinigung: Das unterscheidet uns von anderen Konzepten.  Hier können wir auf die Qualität Einfluss nehmen. Ich habe natürlich gewisse Rahmenbedingungen, die mir die Lunte vorgibt, aber durch die Ausreinigung kann ich meine Qualität innerhalb dieses Rahmens nochmal genau definieren.

Zum Thema kompakt: Von weitem sieht die Maschine aus wie eine normale Strickmaschine.  

Michael A. Tuschak: Ja, das hören wir oft. Der Stricker sagt, das kenne ich schon, den unteren Bereich zumindest. Und der Spinner sagt dasselbe für den oberen Bereich. Unsere Aufgabe ist es nun, aus dem Spinner einen Spinnstricker zu machen – und aus dem Stricker auch!

Die Markteinführung der Spinit 3.0 E begann auf der ITMA. Wie war die ITMA, Herr Tuschak, Herr Dr. Bauer?

Michael A. Tuschak: Es war eine herausragende Erfahrung, persönlich, als Vertreter der Firma Mayer & Cie. und als einer der Spinit-Verantwortlichen sowieso. Wir haben die Spinit sehr exponiert ausgestellt. Wir hatten einen separaten Raum, was natürlich auch daran lag, dass wir ein Spinnerei-Klima für die Maschine brauchen. Dieser Raum schien die Besucher geradezu magisch anzuziehen. Wir hatten rund 600 Firmenkontakte in dieser einen Messewoche in Mailand, das sind zwischen 80 und 90 am Tag, also rund 10 in der Stunde. Darunter waren auch wirklich viele potenzielle Kunden, vollstufige Betriebe, Spinnereien und so weiter. Wir haben uns sehr bemüht, allen Besuchern Rede und Antwort zu stehen. Ich kann nur sagen, es war eine tolle, intensive Erfahrung!

Dr. Wolfgang Bauer: Die ITMA war sehr, sehr erfolgreich. Ich denke, die Besucherzahlen sprechen für sich. Das Interesse war gigantisch. Ich kann mich nur meinem Kollegen anschließen: Die Besucher und Interessenten haben uns – bildlich gesprochen – die Türen eingerannt.

Hatten Sie sich jeweils ein bestimmtes Ziel für die ITMA gesetzt?

Michael A. Tuschak: Ich wollte, dass wir einen Auftritt hinbekommen, auf den wir stolz sein können; dass wir mit der Technologie und im Gesamtmessekonzept von Mayer & Cie. wirklich gut aussehen. Die Spinit als Sahnehäubchen sozusagen.

Aus Vertriebssicht war es natürlich wichtig, erste Aufträge abzuschließen. Auch das hat geklappt. Es wurden bereits auf der Messe Maschinen verkauft, Maschinen, die wir im Laufe des Jahres 2016 an die Kunden ausliefern werden.

Dr. Wolfgang Bauer: Wir wollten auf der ITMA die Maschine mit der Fancy-Modul-Technik vorstellen. Damit können wir mustergemäß die Garnfeinheit variieren – und zwar während des Produktionsprozesses. Wir können damit ganz neuartige, eigene Muster erzeugen. Es gibt keine andere Art und Weise, sie so zu stricken.

Das bedeutet, Ihre (persönlichen) Erwartungen an die ITMA wurden erfüllt?

Michael A. Tuschak: Die Erwartungen wurden mehr als erfüllt! Nicht nur die Resonanz war riesengroß, auch die Qualität der Gespräche war überraschend gut. Wir haben gesehen, dass sich die Interessenten im Detail mit der Spinnstricktechnologie befassen. Sie fragen sich, welche Vorteile sie ihnen als potenziellen Anwendern bringen könnte.

Dr. Wolfgang Bauer: Unsere Erwartungen wurden übererfüllt. Abgesehen vom großen Interesse, das unserer Spinit entgegengebracht wurde, konnten wir viele wertvolle Gespräche führen; und das auf einem Niveau, das vier Jahre früher in Barcelona noch komplett undenkbar gewesen wäre. Wir hatten jetzt die Möglichkeit, über Anwendungen zu sprechen, auf die speziellen Themen der Interessenten, der potenziellen Kunden einzugehen.

Was war das wichtigste Feedback, das Sie aus Kundengesprächen gewonnen haben?

Dr. Wolfgang Bauer: Die Besucher der ITMA kommen aus aller Herren Länder, sie haben die unterschiedlichsten Anwendungen und bringen sie mit zu uns, um sie in großer Offenheit zu besprechen. Diese Breite und Tiefe kennenzulernen war für mich eine ganz wichtige Erfahrung.

Michael A. Tuschak: Zu uns kamen die Kunden, weil es, wie sie sagten, hier etwas wirklich Neues zu sehen gab: Einen „Game Changer“, „a true Game Changer“. Als solchen bezeichnete ein Kunde ganz spontan unsere Spinit. Er fand, dass spinitsystems das Spiel komplett neu ordnet. Ich denke, das trifft es wirklich gut, denn es ist ein völlig neuer Ansatz, die Spinnerei und die Strickerei zusammen zu packen. Die Spinit rollt das Spiel neu auf.

Auf Basis dieses Feedbacks, wo sehen Sie das größte Potenzial für die Spinit?

Michael A. Tuschak: In den klassischen Textilmärkten sehen wir großes Potenzial. Aber auch in Märkten, die nicht mehr zu den klassischen gehören, wird über den Einsatz der Spinit nachgedacht. Wir hatten beispielsweise mit Kunden aus den USA gute Gespräche. Landläufig denkt man ja, dass die Textilproduktion nicht mehr rentabel ist, wenn die Personalkosten höher sind. Aber auch hier hat unser Ansatz offensichtlich Potenzial, das Blatt zu wenden. Nehmen wir wieder die USA: Dort wird viel Baumwolle produziert. Durch unser neues Produktionswerkzeug können zum einen die Prozesskosten in deren Verarbeitung gesenkt werden, zum anderen sind ganz andere Qualitäten möglich. Da ist Potenzial für die Industrie. Das haben wir auf der Messe gespürt.

Dr. Wolfgang Bauer: Neben den klassischen Anwendungen für Single Jersey – also T-Shirts, Shirts, Wäsche – haben sich technische Anwendungen herauskristallisiert. Als Trägermaterial für Beschichtungen eignet sich der Spinit-Stoff beispielsweise sehr gut.

Wo stehen Sie aktuell in punkto Markteinführung?

Michael A. Tuschak: Wir werden dieses Jahr erste Maschinen in unsere Brückenkopfmärkte liefern. Dort haben wir die richtigen Partner gesucht und gefunden. Mit ihnen beginnen wir jetzt mit dem Roll-Out, in Regionen gestaffelt. Die Maschinen werden in Produktion genommen. Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit dem Business-Modell und dem Projekt des jeweiligen Kunden, damit die Spinit für jeden einzelnen zu einer Erfolgsgeschichte werden kann.  

Und wie geht es weiter? Was sind Ihre nächsten Schritte?

Dr. Wolfgang Bauer: Wir freuen uns auf die enge Zusammenarbeit mit den Kunden, die die ersten Maschinen bekommen. Wir sind sehr gespannt auf deren Feedback! Natürlich erhoffen wir uns viele Anregungen, um unsere Technologie weiter entwickeln zu können.

Abgesehen davon haben wir unsere eigenen Entwicklungsziele. Eines davon ist die Fancy-Technologie. Wir möchten unseren Kunden zukünftig weitere Möglichkeiten geben, die Fancy-Technologie anzuwenden.

Michael A. Tuschak: Wichtig ist auch das Thema Rohstoffe. Wir werden über unseren Standard, mit dem wir die Technologie entwickelt haben, nämlich gekämmte Baumwolle, hinausgehen. Wir befassen uns mit anderen Baumwollarten, auch mit synthetischen Fasern. Hier werden wir gemeinsam mit den ersten Kunden spannende Erkenntnisse sammeln können. Ziel ist es, die Technologie für diese weiteren Einsatzbereiche fit zu machen.

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