Von der Kaiserzeit zum Zweiten Weltkrieg

Rückblick und Ausgangssituation: 

„In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte Johannes Maute den ersten Rundwirkstuhl nach Ebingen. Mit ihm begann die Produktion von schlauchartigen Gewirken, von Trikotage (von französisch tricoter, stricken).

Mit staatlicher Unterstützung standen nun moderne, erschwingliche Maschinen zur Verfügung. Die französischen Konstrukteure Honoré Frédéric Fouquet und Charles Terrot hatten auf Betreiben der ‚Centralstelle für Handel und Gewerbe‘ in Württemberg Fabriken gegründet, in denen Rundwirkstühle produziert wurden. Trikotweber ‚drillten‘ nicht selten 18 Stunden am Tag. Bei eisernem Fleiß und rigoroser Sparsamkeit konnte Kapital für Neuinvestitionen verdient werden. Dass es dennoch bis in die 1880er Jahre gedauert hat, ehe die erste Dampfmaschine für eine mechanische Trikotagenfabrik installiert werden konnte, zeigt, wie mühsam der Aufstieg zur Trikotindustrie war. Dann aber setzte ein Boom ein. Zählte Tailfingen 1890 unter 124 Trikotwirkereien nur eine Fabrik, so existieren gegen Ende des Jahrhunderts 10 und 1913 bereits 25 Trikotfabriken.“

Ereignisse zu unseren Unternehmenswerten

Rundstuhl aus Tailfingen

1906 liefert die Vereinigte Mechanische Werkstätten Mayer & Cie. ihren ersten Rundstuhl aus. Unter der Maschinennummer 1 findet sich zwar noch eine größere Reparatur einer Rundwirkmaschine der Trikotfabrik Conrad Maier zum Ochsen (Comazo). Die Nummer 2 ist ein Neubau, gezeichnet von Emil Schweikhofer, gebaut vom Tüftler Johannes Mayer. Empfänger ist die Firma Christian Schöller in Öschingen. 

Offensichtlich läuft das Geschäft gut, denn bereits ein Jahr später verlässt die Maschine mit der Nummer 31 Tailfingen, sie wird an die Trikotwarenfabrik Medart Heim & Cie. nach Burladingen geliefert. Zuhause in Tailfingen gibt sich die Kundschaft vorerst verhalten, nachdem bekannt wird, wer hinter den gut funktionierenden und weiter entwickelten Rundstühlen steckt. Die Tailfinger begegnen dem ‚Prophet aus dem eigenen Land‘ mit einigen Vorbehalten.

Emil Schweikhofer ist viel unterwegs, um die Rundstühle an den Mann zu bringen. Aus Sachsen bringt er einen Auftrag über zehn Maschinen mit 44 Zoll mit nach Hause, so dass die Rundwirkmaschinenfabrik Mayer & Cie. zuerst ihre Räumlichkeiten vergrößern muss, bevor mit dem Bau dieser Maschinen begonnen werden kann.

Verkauf der Rundstühle nach ganz Europa

Emil Schweikhofer baut jetzt ein europaweites Verkaufsnetzwerk auf. Dabei macht er sich auch die Tatsache zunutze, dass in Folge einer Auswanderungswelle nach dem ersten Weltkrieg viele Tailfinger in den USA oder Großbritannien ansässig sind. Ihre enge Verbindung zur heimischen Trikot­industrie bleibt erhalten. Um 1920 bestellt so ein gebürtiger Tailfinger, nun Strickmeister bei der britischen Firma Wild, sukzessive 40 Maschinen bei Johannes Mayer und seinen Partnern. Seinen ersten Auftrag aus dem Ausland bekommt Mayer & Cie. 1919 aus Rumänien, soweit bekannt ohne Tailfinger Verquickungen. Auch für die Balkanstaaten, Frankreich und Übersee werden Aufträge ausgeführt.

2.000. Rundwirkstuhl

Die 2.000ste Rundwirkmaschine, gebaut 1927, wird im Rahmen eines Festaktes an die Trikotfabrik Balthas Conzelmann vor Ort übergeben. Die Mitarbeiter haben die Maschine mit Kränzen geschmückt, die Musikkapelle und die Vertreter der Gemeindeverwaltung organisieren eine Überraschung für die Firmen­leitung. Die Maschine wird in einem festlichen Zug aller Mayer & Cie. Mitarbeiter an den Empfänger ausgeliefert. Abends feiert man den Anlass im Gasthaus zum Ochsen.

Der lange Weg vom Rundwirkstuhl zur Rundstrickmaschine

1935 entscheiden sich Emil Mayer, Johannes Mayer und Karl Conzelmann sich mit dem Bau von Strickmaschinen zu befassen. Johannes Mayer erzählt dazu:

„Das war eine Aufgabe! Mein Sohn hat die Zeichnungen gemacht, ich habe die Zylinder aufgespannt, zentriert, von Hand gefräst. Da hat einem die Geduld nicht ausgehen dürfen. Unsere Zähigkeit wurde auf eine harte Probe gestellt, nahezu alle wesentlichen Errungenschaften des Strickmaschinenbaus waren durch Patente der Konkurrenz geschützt und wir mussten völlig neue Wege gehen. Nun, ich hatte im Rundstuhlbau Zehntausende von Mailleusen eingestellt, das ist die Grundlage – die Mailleuse nicht zu fein und nicht zu grob, dass die Platine schön einläuft und wieder rausgeht. Nirgends habe ich das gelernt, aus mir selbst heraus und aus der Erfahrung ist es gekommen. Das war das Beste, was wir für den Strickmaschinenbau mitbrachten.“

Anfangs kennzeichnen Rückschläge den Weg der Maschinenbauer von Mayer & Cie.: Einige der selbst konstruierten und fertig montierten Maschinen wollen nicht laufen. Johannes Mayer spricht von einer „verzweifelten Situation“. Er erzählt von seiner Angst, die er jedes Mal empfindet, wenn er einen neuen 24-Zoll-Zylinder und damit eine große Investition für die Firma, aufspannt. Gearbeitet, auch gefräst, wird von Hand. Erst nachdem zwei Fräsmaschinen auf automatisches Fräsen umgebaut werden, schaffen die Tailfinger 1938 den „Anschluss an die besten Leistungen im Strickmaschinenbau“, so Johannes Mayer.

Viele Erneuerungen nur in Mayer-Rundstrickmaschinen

Dem Eindruck, Mayer & Cie. stelle jetzt einfach „auch Strickmaschinen“ her, will eine umfangreiche Broschüre direkt entgegenwirken. Dort steht zu lesen: „Mit unseren Rundstrickmaschinen und Interlockmaschinen geben wir Ihnen ein Produktionsmittel an die Hand, das den höchsten Anforderungen gerecht wird. Sie sind nicht nur ‚auch Strickmaschinen‘, sondern sorgfältigst in jahrelanger Arbeit, von Grund auf konstruierte, neue, unter Einsatz der modernsten Mittel der Technik, von bestem Fachpersonal hergestellte Maschinen. 

Viele Neuerungen, die in der Konstruktion der Maschine verkörpert sind, sind gesetzlich geschützt und daher nur an Mayer-Rundstrickmaschinen zu finden. Im Folgenden sind nur einige der hervorstechenden Eigenschaften aufgeführt.“ Die Broschüre hebt beispielsweise das Kugellager besonders hervor, das der Maschine eine große Laufruhe einbringt, ebenso wie die Bremse, deren Weichheit „bis heute unerreicht“ ist.

Maschine ist schnell ein Erfolgsmodell

Auf seine Kunden kann Mayer & Cie. zählen. Dass die Tailfinger Rundstrick­maschinen schnell angenommen werden, belegt ein Brief aus dem August 1938. Mayer & Cie. schreibt dort, dass bereits über 70 Maschinen in Württemberg, Sachsen, Tschechoslowakei, Frankreich, Schweiz und Holland laufen, zur „besten Zufriedenheit der Kunden“. Im Oktober desselben Jahres bestellt die Firma Wilhelm Hering zehn neue Rundstrickmaschinen, Bauart Interlock.

Zufriedene Kunden

Seit 1906 hat Mayer & Cie. einen ausgezeichneten Ruf bei seinen Kunden. Auch die anfängliche Skepsis der örtlichen Textilfabrikanten ist 1920 einer breiten Zustimmung gewichen. Das ist besonders Johannes Mayer zu verdanken, der mit viel Hingabe und Präzision alle Besonderheiten, die sich die Kunden in ihren Rundstühlen wünschen, umsetzt. Johannes Mayer ist der­jenige, der für die Präzision beim Bau der Rundwirkstühle hauptsächlich verantwortlich zeichnet.

Die von Mayer & Cie. gebauten Rundstühle bringen es auf eine Genauigkeit von 0,001 Millimeter. Durch hohe Präzision bei der Fadenführung kann die mechanische Beanspruchung des Garns gemindert werden, außerdem erfährt der Fournisseur manche in der Hechinger Straße 19 erdachte Verbesserung. Platinen und Platinenführung werden weiterentwickelt und die Einstellmöglichkeiten der Mailleusen verbessert. Obwohl Mayer & Cie. keine eigenen Rundstühle entwickelt, vervollkommnen Mayer und seine Partner die bestehende Technik in Zusammenarbeit mit ihren Kunden immer weiter.

Kunden sind Geschäftsfreunde

„Dienst am Kunden wird seit der Gründung von Mayer & Cie. großgeschrieben und der Kundendienst immer mehr verbessert und ausgebaut durch die von der Geschäftsleitung eingesetzten Vertreter, die nicht nur die Aufgabe hatten zu verkaufen sondern auch den freundschaftlichen Kontakt mit der Kundschaft zu pflegen und deren Sorgen und Vorschläge hinsichtlich der gelieferten Mayer-Maschinen entgegenzunehmen.“

Jubiläumsbuch von Ewald Gonser

1930 – Emil Mayer kehrt zurück

Emil Mayer schließt 1924 im Alter von 19 Jahren seine Lehre bei Mayer & Cie. ab. Er arbeitet als Praktikant in verschiedenen Firmen und absolviert die Ingenieursschule in Esslingen. Im Anschluss daran nutzt er die Gelegenheit, für zwei Jahre als Austauschstudent in die USA zu gehen. Als er 1930 zurückkommt, soll er eigentlich in die deutsche Niederlassung der amerikanischen Firma, für die er in den USA gearbeitet hat, eintreten. Im Gespräch mit dem Vater Johannes Mayer wird klar, „dass er nirgends nötiger gebraucht wird als hier“.

Er kehrt in eine Heimat zurück, in der die Weltwirtschaftskrise bereits angekommen ist. Drei Millionen Menschen in Deutschland sind ohne Arbeit. 1934 scheidet Johann Georg Mayer altershalber aus dem Unternehmen aus. Auch Emil Schweikhofer geht, er übernimmt eine Trikotfabrik in Sindelfingen. Dafür tritt Emil Mayer nun als Geschäftsführer in die Firma ein. Die Zeiten, in denen er in die Firmenleitung einsteigt, sind schwierig: Die Textilmaschinenbauer leiden unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Erst 1932 kann die deutsche Textilmaschinen­industrie wieder das Niveau von 1929 erreichen.

Eine weitreichende Entscheidung: Die Rundstrickmaschine

Eine neue Maschine, die Rundstrickmaschine, macht der Rundwirkmaschine zunehmend Konkurrenz. Die neuen Maschinen sind vorwiegend in England und den USA entwickelt. Ihre Leistung ist deutlich höher als die der Rundwirkmaschinen – bis zu zehnmal so viel Stoff kann produziert werden. Die Ware ist feiner und elastischer. Klar ist, dass auch die deutschen Trikotwarenhersteller auf diese Maschinen übergehen müssen, wollen sie konkurrenzfähig bleiben. Der Entschluss, sich in den ohnehin schwierigen Zeiten mit der Konstruktion einer neuen Maschine auseinanderzusetzen, fällt schwer. Emil Mayer, Johannes Mayer und Karl Conzelmann entscheiden 1935 trotzdem sich mit dem Bau von Rundstrickmaschinen zu befassen und sichern mit dieser Entscheidung bis heute die Zukunft des Unternehmens.

Das erste technische Büro wird eingerichtet

Ingenieur Emil Mayer richtet sich in der Fabrik in der Hechinger Straße ein technisches Büro ein. Sein erstes Ziel ist es, alle Teile eines Rundstuhls zeichnerisch zu erfassen.

Johannes Mayer erzählt: „Bis dahin hatten wir die Stühle nach Modellen gebaut, Zeichnungen gab es nur von den Maschinenkörpern, festgelegt waren Durchmesser, Nadellager, Zahnkranz, Mailleusen, die Zahnzahl, die Platinenzahl und die Schräge vom Zahnkranz. Von den Einzelteilen waren keine Zeichnungen vorhanden. Meist gab es noch Stücke von alten Rundstühlen oder man hatte einmal von einem Einzelteil eine ganze Anzahl gefertigt. Nun wurde von A bis Z alles genau gezeichnet und durchkonstruiert. Das waren weit über tausend Teile.“

Der nächste Schritt ist die Verbesserung der bestehenden Maschinen, die der Sohn zu Papier bringt und die der Vater erprobt. „So haben wir ganz ideal miteinander geschafft“, findet Johannes Mayer. Mit der Einrichtung dieses Büros schafft Emil Mayer die Grundlage für die zukünftigen innovativen Eigenentwicklungen in der Rundstricktechnologie. 

Der große Krieg 1939–1945: Angst, Not und Stillstand

Als der Krieg ausbricht, muss auch bei der Maschinenfabrik Mayer & Cie. auf Rüstung umgestellt werden. In der Hauptsache werden Flak-Kommandogeräte und Flugmotorenteile hergestellt. Nur eine kleine Reparaturabteilung kann sich weiterhin dem eigentlichen Kerngeschäft, den Rundstühlen und Strickmaschinen, widmen.

Die erste Generation Johannes Mayer

Von der Gründung 1906 bis zu seinem Tod 1958 war Johannes Mayer „als erster Arbeiter seines Werkes“ die Seele des Unternehmens. Über seine Ehefrau Anna ist Johannes Mayer tief mit der Textilindustrie in Tailfingen verbunden. Anna Mayer ist die Tochter von Conrad Maier, dem Gründer der Trikotwarenfabrik Conrad Maier zum Ochsen, kurz Comazo und arbeitet auch nach der Hochzeit als Direktrice im elterlichen Betrieb.

Johannes Mayer ist eine fundierte Ausbildung verwehrt:
Er muss mit 14 Jahren die Landwirtschaft der Familie übernehmen, bevor er für zwei Jahre zum Militärdienst gerufen wird. Nachdem klar wird dass die elterliche Landwirtschaft nicht zu halten ist, entscheidet er sich, ins Handwerk zu gehen und nimmt in der Werkstätte seines älteren Bruders Johann Georg Mayer eine Ausbildung zum Mechaniker auf. „Wo man mich hingestellt hat, habe ich meine Pflicht getan“, lautet seine eigene knappe Zusammenfassung seiner Ausbildungszeit, gefolgt von der Feststellung: „Und es hat mir dann doch Spaß gemacht.“ 

Als Tüftler für schwierige technische Anforderungen und Spezialist für die Einstellungen von Mailleusen steht sein Leben im Dienst der Technik. Sein unbedingter Wille zum Erfolg und der hohe Anspruch an Präzision haben das Unternehmen Mayer & Cie. bis heute geprägt. 

Zum 50. Firmenjubiläum wird ihm für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Johannes Mayer stirbt am 8. Dezember 1958 im 82. Lebensjahr.

Familienunternehmen

1938. Mit dem Austritt des Gesellschafters Karl Conzelmann kommt es zu einer erneuten Herausforderung für die Maschinenfabrik. Emil Mayer schreibt dazu im Heimatbuch: „Durch diese neuerliche Kapitaleinbuße wurden die Schwierigkeiten noch größer. Eiserne Energie und Sparsamkeit konnten jedoch auch diese Krise überwinden.“ Johannes Mayer und sein Sohn sind nun alleinige Gesellschafter und Inhaber. Das Unternehmen wird in „Mayer & Cie. Maschinenfabrik“ umbenannt.


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