Krieg, Wiederaufbau und Wirtschaftswunderjahre

Rückblick und Ausgangssituation: 

1935 entscheiden sich Emil und Johannes Mayer, sich mit der Entwicklung eigener Rundstrickmaschinen zu befassen. Trotz großer Widrigkeiten verfolgen sie ihren Plan konsequent – und mit Erfolg. Sie können erste eigene Patente anmelden. Die Rundstrickmaschinen von Mayer & Cie. sind Eigenentwicklungen, die regen Absatz finden. 1938 sind bereits über 70 Maschinen ins In- und Ausland verkauft, im Jahr 1939 läuft die Serienproduktion von Rundstrick- und Interlockmaschinen richtig an. 90 Mitarbeiter, ein Drittel mehr als nur ein Jahr zuvor, zählt die Fabrik im Jahr des Kriegsbeginns. 

Ereignisse zu unseren Unternehmenswerten

Textilmärkte in Nord- und Südamerika werden immer wichtiger

Die Textilmärkte in Nord- und Südamerika gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Dieser Entwicklung trägt Mayer & Cie. 1959 mit der Gründung von Mayer do Brasil in Sao Paulo Rechnung. Es ist das erste Tochter­unternehmen im Ausland. Der südamerikanische Markt wird von nun an von Brasilien aus beliefert. Emil Mayer, der 1965 seine im Dienste der Rundstrickmaschine gereisten Kilometer auf zwei Millionen beziffert, treibt diesen Schritt voran.

Die 1.000. Maschine in die USA verkauft

In Nordamerika genießen die Mayer-Strickmaschinen einen sehr guten Ruf und finden entsprechenden Absatz. Zehn Prozent der gesamten Produktion gehen in die Vereinigten Staaten: 
Im Herbst 1968 wird die 1.000ste Strickmaschine, die Mayer & Cie. seit der Währungsreform gebaut hat, in die USA geliefert. Verkauft hat sie die langjährige Mayer-Vertretung vor Ort unter der Leitung von Mac M. und Eugene A. Rothkopf.

 

Export in 60 Länder

Ende der sechziger Jahre exportiert Mayer & Cie. seine Maschinen in rund 60 Länder. Weiße Flecken auf der Landkarte gibt es aus Tailfinger Sicht kaum noch, und falls doch, ist man bei Mayer & Cie. im Zweifelsfall schneller als die Politik. „Der Absatzmarkt für unsere Produkte in den östlichen Staaten und insbesondere auch in der UdSSR sind fast unerschöpflich“, so Emil Mayer laut einem Zeitungsbericht im Jahr 1967. Mayer & Cie. ist bestrebt, sich diesen Markt zu erschließen, und ist bei der Internationalen Bekleidungsausstellung 1967 in Moskau vor Ort.

Von Rekord zu Rekord

1968 wird die 10.000ste Rundstrickmaschine, eine OVJA 36, ausgeliefert. Diese Maschine ist so beliebt und die Wartezeiten auf ein Exemplar so lange, dass sie zu einem veritablen Spekulationsobjekt wird. Wer eine Auftragsbestätigung für eine Overnit-Jacquard Maschine besitzt, kann sie – mit entsprechendem Gewinn – weiterverkaufen; der Preis steigt, je näher das Lieferdatum rückt. 

Speziell die OVJA 36 sorgt dafür, dass bei Mayer & Cie. Ende der sechziger Jahre ein Rekord den nächsten jagt: 1968 beträgt die Jahresproduktion 938 Maschinen, der Jahresumsatz überschreitet erstmals die 60-Millionen-Marke. In den vier Betrieben, die zur Mayer-Gruppe gehören – MCT, Mayer do Brasil, Spaichingen und Edelmann in Beerfelden – arbeiten 1.200 Mitarbeiter. Nur ein Jahr später liegt die Jahresproduktion bei 1.280 Maschinen und die Mitarbeiterzahl erreicht 1.500. 1970 beziffert Mayer & Cie. seinen Umsatz mit 150 Millionen Mark. Damit hat das Unternehmen seinen Umsatz innerhalb von zwei Jahren um 150 Prozent gesteigert. 1.700 Menschen arbeiten 1970 in der Firmengruppe.

Die OVJA 36: „Der Liebling aller Stricker“

Ein großer Wurf gelingt Mayer & Cie. bei der ITMA 1967 in Basel. Eine dort erstmals vorgestellte Overnit-Jacquard Maschine mit 36 Systemen trifft genau den Nerv der Zeit, die OVJA 36. Die Maschine wird mit einem Durchmesser von 30 beziehungsweise 33 Zoll angeboten. Jedes der Systeme besitzt eine eigene Jacquard-Trommel, die durch einen Kettenschaltapparat gesteuert werden. Bis zu 16 Muster kann ein Trommelprogramm aufnehmen. Bestückt wird die Trommeln mit dem Stiftsetzapparat. Nach Gebrauch entfernt eine Zentrifuge die Stifte wieder. Die Maschine stellt ein absolutes Novum her: Jacquard-gemusterte Meterware bis zu einer Feinheit von E 24. Es gibt bis dato keine andere Jacquard-Maschine auf dem Markt, die diese feine Teilung strickt. Das Maschenbild, das die Maschine liefert, ist deutlich geschlossener, als es bisher möglich war. Fäden, die auf der Vorderseite nicht zu Maschen geformt wurden, sind im Muster nicht mehr erkennbar.

Die OVJA 36 wird in den Folgejahren rund 7.000 Mal verkauft. Sie verschafft der Textilmaschinenfabrik aus Tailfingen – endgültig und unwiderruflich – Weltruhm.

Overnit 24 SR: Fünf Farben sind besser als vier

1969 wird die erste Maschine entwickelt, die fünf frei wählbare Farben stricken und dazu auch noch Ringel- und Jacquardeffekte mischen kann. Sie ist in der Lage alle bekannten Web-Strick-Bindungen zu produzieren. Eine spezielle Selektiereinrichtung für die Zylindernadeln bietet die Möglichkeit zur Herstellung von mehrfarbigen Kleinjacquard-Mustern und gemusterten Einfach- und Doppelreliefgestricken. 

Diese Maschine ist ein weiterer Beweis für die Innovationskraft der Mayer-Konstrukteure.

Der Bandfournisseur: Der zukünftige Standard bei Rundstrickmaschinen

1961 stellt Mayer & Cie. eine wichtige technische Neuerung im Peripherie­bereich vor. Der Bandfournisseur, entwickelt vom schwedischen Ingenieur Isac Rosén und Mayer & Cie. Ingenieur Horst Paepke, wird im Laufe der Jahre zum Standard bei Rundstrickmaschinen. Damit werden eine gleichmäßige Fadenzufuhr und ein einheitliches Maschenbild erreicht. Die Folge ist eine gesteigerte Qualität und weniger Nachkontrollen. Auch der notwendige Garneinsatz sinkt. 

Dem Kunden zuhören

„Wir werden darauf achten, dass wir mit unseren Neuentwicklungen an der Spitze bleiben“, so Emil Mayers Aussage und Anspruch aus dem Jahr 1965. Damit Mayer & Cie. immer die berühmte „Nasenlänge voraus“ ist, stellt er die entsprechenden Weichen. 

Das wichtigste Ohr am Markt hat Emil Mayer selbst; er ist, wie er selber sagt, mindestens acht Monate im Jahr bei den Kunden in aller Welt unterwegs. Auch das gesamte Verkaufsteam hört den Kunden und Vertretern genau zu, um deren – zukünftige – Anforderungen möglichst passgenau zu bedienen. Nur so sind Verkaufserfolge wie die OVJA 36 möglich, die genau den Nerv ihrer Zeit treffen.

Fachkräfte für Mayer-Kunden Eine eigene Textilschule wird gegründet

Mayer & Cie. gründet eine eigene Textilschule, die im Januar 1968 eröffnet wird. Untergebracht ist die Schule samt Gästehaus für die Studenten in den Firmengebäuden in der Hechinger Straße in Tailfingen. Die Beweggründe für die Gründung der Schule erklärt Emil Mayer selbst in einem Interview mit den Talgang-Nachrichten vom 24. Januar 1968: „Die rasch fortschreitende Entwicklung der Textil- und Maschenindustrie macht immer kompliziertere und leistungsfähigere Maschinen notwendig. Diese Tatsache und der Mangel an Fachkräften auf der ganzen Welt, nicht zuletzt aber auch die Entwicklung immer neuer Fasern, deren Verarbeitung an Meister und Betriebsleiter steigende Anforderungen stellen.“ 
Die Mayer’sche Textilschule, auch dies ein Alleinstellungsmerkmal von MCT, stößt bei der ITMA auf großes Interesse. Vom Messebesuch bringen die Tail­finger viele Anmeldungen für die Kurse mit nach Hause – bis Ende 1968 ist das Bildungsinstitut ausgebucht. Auf eine Strickmaschine muss man allerdings noch länger warten als auf einen Platz in der Textilschule: Die Lieferzeiten für Mayer-­Maschinen betragen rund 24 Monate.

10.000ste Jubiläumsmaschine geht als Geschenk an einen guten Kunden

1968 wird die 10.000ste Jubiläumsmaschine bei der Firma Riedinger Textil AG in Augsburg aufgestellt. Damit hat Emil Mayer ein Versprechen eingelöst, das er Jahre zuvor dem Vorstand der Firma Riedinger gegeben hat. Riedinger ist zu jener Zeit die größte Strickerei Europas und besitzt nur Rundstrickmaschinen der Wettbewerber. Bei den Vertragsverhandlungen für die erste Maschine fragt der Einkäufer, wie viel Rabatt für eine größere Abnahme von Mayer-Maschinen gewährt werde. Emil Mayer verspricht daraufhin: „Wenn Sie 100 Maschinen abnehmen, bekommen Sie eine geschenkt.“

So wird dann 1968 diese Maschine, die gleichzeitig die 10.000ste Jubiläums­maschine ist, mit einem Festakt in den Räumen der Firma Riedinger übergeben.

2 Jahre Lieferzeit für eine Mayer-Maschine

Nach dem Geheimnis des Unternehmenserfolgs gefragt nennt Emil Mayer im Interview mit den Talgang-Nachrichten vom 7. Juli 1965 folgende Aspekte: „Die laufende Entwicklung neuer Maschinen für Ober- und Unterbekleidung; die Schaffung und Pflege eines engen persönlichen Kontaktes mit der Kundschaft und den Vertretern des In- und Auslands; das stetige Streben nach Qualitätsarbeit und die freudige Mitarbeit unserer Belegschaft.“

Die Maschinenfabrik Spaichingen wird Mitglied der Mayer-Familie

Um die stetig wachsende Nachfrage bedienen zu können, kauft Mayer & Cie. 1966 eine Fabrik in Spaichingen. Sie wird erweitert und nimmt unter dem Namen Maschinenfabrik Spaichingen mit 50 Beschäftigten direkt die Produktion von Rundstrickmaschinen auf. Sie dient, so der Plan, als „verlängerte Werkbank“ des Tailfinger Stammwerks. Die Kapazitäten sollen schnell vergrößert werden, denn mit jenen zum Stand 1965 kann die Fabrik „nur ein Viertel der Produktionsmenge verkaufen, die tatsächlich abgesetzt werden könnte“, so die Spaichinger Zeitung vom 4. Juli 1966. Die Zeitung berichtet auch vom Betriebsklima, das sich Emil Mayer in der Maschinenfabrik Spaichingen vorstellt:

„In meiner Fabrik sollen sich die Menschen wohl fühlen, ich lege größten Wert auf ein gutes Betriebsklima, denn wer gerne und mit Freude arbeitet, leistet mehr.“ Diese Rechnung geht offensichtlich auf: Zwei Jahre später zählt die Belegschaft der Maschinenfabrik Spaichingen bereits 200 Mitarbeiter, ein zweiter Erweiterungsbau entsteht 1968. Die in Spaichingen gebauten Maschinen „suchen ihresgleichen an Präzision“, so Emil Mayers hohes Lob 1968 bei einem Besuch der Maschinenfabrik. 1970 arbeiten 300 Menschen in der „MS“, wie sie innerhalb der Firmengruppe kurz und bündig bezeichnet wird.

Nachhaltige Nachwuchs- und Fachkräfteförderung

Emil Mayer ist viel an der Nachwuchsförderung gelegen. Die Lehrwerkstatt ist für Mayer & Cie. ein sehr wichtiger Bestandteil des Unternehmens und der Grundstein für den zukünftigen Erfolg der Firma. Einmal jährlich werden die Eltern der Lehrlinge zu Mayer & Cie. eingeladen, um vor Ort „Einblick in die Arbeit ihrer Kinder“ nehmen zu können.

Die Investition in kompetente Fachkräfte

Wer einmal zur Unternehmensfamilie Mayer & Cie. gehört, der verbringt nicht selten ein halbes oder gar ein ganzes Berufsleben dort. Kaum ein Jahr, in dem Emil Mayer nicht mindestens einem Jubilar für 40-jährige Treue bei Mayer & Cie. danken könnte.

Einen Beitrag dazu leisten die vielfältigen und vorbildhaften Sozialleistungen, die Emil Mayer eingeführt hat. Dazu gehören eine Altersversorgung, eine Lebensversicherung und nicht zuletzt die Notgemeinschaft, eine Solidargemeinschaft aus Kollegen und Unternehmen, die im Falle des Todes eines Mitarbeiters dessen Witwe finanziell unterstützt.

Die zweite Generation – Emil Mayer

Unter der Leitung von Emil Mayer wird aus dem Handwerksbetrieb Mayer & Cie. ein international führendes Industrieunternehmen. 

1921 tritt Emil Mayer nach seinem Realschulabschluss in die Firma ein, um dort eine Lehre zu absolvieren. Dem Vater Johannes Mayer ist die gute, fundierte Ausbildung seines Sohnes sehr wichtig. Er arbeitet als Praktikant in verschiedenen Firmen und absolviert die Ingenieursschule in Esslingen. Im Anschluss daran nutzt er die Gelegenheit, für zwei Jahre als Austauschstudent in die USA zu gehen.

Ab 1945 führt Emil Mayer das Unternehmen durch die wohl schwierigste Epoche. Emil Mayer erzählt aus dieser Zeit: „Es fuhr noch keine Eisenbahn, als wir wieder anfingen. Mit dem Fahrrad bin ich oft nach Stuttgart und Umgebung, um bei den alten Lieferfirmen nach Guss, Stabmaterial und Blech zu sehen. Geld war wertlos. So wurden wir Meister im Tauschhandel: Reparaturen und Maschinen gegen Trikotwaren, mit denen wir dann die Lieferanten, ja selbst Mit­arbeiter bezahlten.“ 

Ab 1948 geht es wieder aufwärts. Emil Mayer, der die Fabrik bei Vater und Mit­arbeitern in guten Händen weiß, kann sich seinem anderen großen Anliegen, dem Aufbau des Auslandsgeschäfts widmen. „Drei unerlässliche Vorbedingungen waren gegeben: Beherrschung der Sprachen, genaue Kenntnis der Erzeugnisse, die verkauft werden sollten, und Montageerfahrungen. Es kommt oft vor, dass Kleinigkeiten an schon gelieferten Maschinen nicht in Ordnung sind, dann zieht man den Rock aus und behebt sie selbst. Das hat immer imponiert.“  

Von den vielen Reisen des obersten Firmenbotschafters profitiert das Unternehmen in doppelter Weise. Auf den wichtigsten Messen dieser Welt zeigt und verkauft er nicht nur Maschinen, sondern sieht, wohin der Markt sich entwickeln wird.

65 Jahre Emil Mayer und Mayer & Cie.

Die siebziger Jahre beginnen mit einem Geburtstag, den das Unternehmen und sein Chef gemeinsam begehen: Emil Mayer, geboren im Sommer des Firmengründungsjahrs 1905, und Mayer & Cie. werden 65 Jahre alt.

Für den Firmenchef gibt es noch einen zweiten Grund zu feiern. Er wird Ehrenbürger der Stadt Tailfingen. Grund für diese Auszeichnung sind seine Verdienste um den „wirtschaftlichen Fortschritt seiner Heimatstadt und die soziale Sicherheit der Bürger“. 

Stars wie Roberto Blanco, die Jacob-Sisters und weitere Show-Größen der Zeit sorgen für die Unterhaltung der Gäste. Die Talgangnachrichten vom 30. Juni 1970 berichten von Beifallsstürmen, die die Zollernalb-Halle an jenem Abend „erschütterten“.

Am 26. Dezember 1971 verstirbt Emil Mayer nach langer, schwerer Krankheit. Er wird nur 66 Jahre alt.


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